Das interreligiöse Gebet

Seit 2002 findet in Berlin ein öffentliches interreligiöses Friedensgebet statt.  Jeden 1. Sonntag im Monat treffen wir uns mit etwa 20 bis 40 Personen um 15 Uhr auf dem Gendarmenmarkt vor dem Deutschen Dom mit Menschen aus verschiedenen Religionen und auch jenen, die sich keiner Religion zugehörig fühlen, für eine Stunde zum Gebet.  Jeder der TeilnehmerInnen kann  persönlichen Anliegen vortragen. Wir antworten mit einem Liedruf, der unsere Unterschiedlichkeit respektiert. Manchmal schweigen wir auch lange. Das öffentliche Gebet entwickelt sich ohne Vorgaben einer Leitungsgruppe und ist auf die Wahrnehmung der beteiligten Personen angewiesen und ihrem Mut, sich in dem geschützen Kreis der Betenden zu äußern.
Falls der Ort auf dem Gendarmenmarkt wegen Veranstaltungen belegt ist treffen wir uns in der Nähe auf dem Hausvogteiplatz an der U-Bahnstation.
Wir versuchen zu jedem Gebet mit einem neuen Text einzuladen.

Interreligiöses Friedensgebet am 7.8.11 um 15 Uhr
Obdachlosigkeit
Zwei Teilnehmer unseres monatlichen Gesprächskreises kamen mit der Erfahrung zurück, dass sie zusammen mit Obdachlosen mehrere Tage lang geistliche Exerzitien gemacht hatte, Übungen des Sehens und Hörens auf der Straße, um besser den „brennenden Dornbusch“ heute erkennen zu können, von dem eine alte Geschichte aus der hebräischen Bibel spricht; der Dornbusch, aus dem der „Ich bin da“ zu einem Hirten sprach, der geflohen war und sich nun selbst in der Fremde auf der Straße befand.
Unsere Erfahrungen mit Obdachlosen und ihrem Suchen nach Gott, nach der Quelle des Lebens, gab uns den Anstoß für das Gespräch. Interreligiöse Begegnung bedeutet auch, sich in die Obdachlosigkeit zu begeben. Wir beten auf der Straße – der Himmel ist unser Obdach. Das ist ja auch ein Hinweis darauf, dass unser Gebet nicht beheimatet ist in einer Kirche, einer Moschee oder einem Tempel. Wir treten aus dem Haus unserer
gewohnten religiösen Sprachregelung heraus – nicht weil wir ein Problem damit hätten, uns zu unseren konfessionellen Wurzeln zu bekennen, sondern weil die Kraft, die in diesen Wurzeln wirkt, uns auf die Straße schickt, um dort die größere mögliche Einheit mit allen Menschen zu suchen.
Verharmlosen wir die Härte obdachlosen Lebens, wenn wir es als Bild der Obdachlosigkeit für die interreligiöse Begegnung auf der Straße verwenden?
Es gibt die Unterscheidung zwischen erzwungener und freiwilliger Obdachlosigkeit, gewiss. Aber sie reicht nicht aus, um zu begreifen, was geschieht, wenn Gott ruft – oder wie auch immer wir die Kraft in der Sehnsucht nennen wollen, die Buddha in die Obdachlosigkeit zog, Jesus von Nazareth auf die Straßen von Palästina (so dass er keinen Ort mehr hatte, an dem er sein Haupt hinlegen konnte), oder die Mohammed in der heiligen Nacht Al Kadr „zwang“, die heiligen Worte aus dem himmlischen
Koran zu lesen. Die Unterscheidung zwischen freiwillig und unfreiwillig ist kein Graben, der unüberwindbar wäre für die Begegnung und Einheit zwischen Menschen.
Eine Teilnehmerin bracht die eigene Übersetzung eines Gedichtes von Rumi mit, das wir in den Bezug zu der gemeinsam aufgesuchten Obdachlosigkeit des Gebetes der Religionen auf der Straße setzen möchten:
Es gibt nur eine Religion, die Religion der Liebe.
Eine Sprache, die Sprache des Herzens.
Es gibt nur eine Rasse, die menschliche Rasse.
Es gibt nur einen Gott, allgegenwärtig.
Gott ist Liebe.
Lebe in Liebe.
(Mewlana Rumi)

Interreligiöses Friedensgebet am 3.7.11 um 15 Uhr

Zeichen setzen

Zeichen setzen kann schockieren, berühren, erschrecken, aufwühlen. Zeichen
des Offenlegens sind Zeichen der Wahrheit.
Gesicht zu zeigen tut Not und ist doch schmerzhaft zugleich. Religionsunterschiede
und unterschiedliche Praxen brauchen einen offenen Rahmen und Schutz zugleich.
In Berlin haben wir Orte des Schreckens, des Aufwühlens, des Erinnerns und
des Offenlegens.
· So z.B. „Regina Martyrum“, Gedächtnisstätte der Unzähligen Toten des Dritten Reiches, die keine Grabstätten kennen;
· mit Namen eingravierte „Stolpersteine“, die eingelassen sind auf vielen Gehwegen quer durch die Stadt. Sie erinnern an Menschen, die dort in der Nazizeit lebten und umgebracht wurden;
· Stelen und Gedenktafeln wie in T4 in Tiergarten, die in Gedenken an die Euthanasieopfer der Diktatur erschreckend aufwühlen.
In unseren Zusammenkünften stehen wir betend, schweigend und singend auf dem Gendarmenmarkt, um uns voneinander berühren zu lassen. Es kommen Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen zusammen, jeder mit seiner Sprache und Eigenarten, die auf manchen auf den ersten Blick fremd wirken. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass wir uns verstehen, wenn wir füreinander offen sind.
Dies ist es unsere Weise, Zeichen zu setzen gegen das Trennende und das Verschwiegene, das Einzelne wahrnehmen und hier aussprechen können.
Der gemeinsame Ursprung aller Schöpfung hat uns zusammengeführt.

Interreligiöses Friedensgebet am 5.6.2011

Freiheit und Verbindlichkeit im Miteinander

Unser gemeinsames und jeweils sehr persönliches Anliegen, das wir in die Runde für dieses Gebet trugen, ist das Finden eines verbindlichen und vertrauensvollen Rahmens für das Miteinander, in dem unterschiedlichste Bedürfnisse befriedigt werden.

Das Bedürfnis nach Sicherheit liegt in jedem von uns und bedeutet für den einen den Wunsch nach einer Regelmäßigkeit, einem Lebensrhythmus, für den anderen eine Verlässlichkeit in Beziehungen, für den dritten das Erkennen von der eigenen Wirksamkeit. Das Bedürfnis nach Freiheit, nach kreativem Denken und Schaffen ist in uns verankert, ebenso ist das Bedürfnis nach Kommunikation, nach Austausch und Nähe tief menschlich. Diese Elemente wollen miteinander verbunden werden.

Verbindlichkeit kann z.B. eine Verabredung zum Telefonat bedeuten, da im bewussten Sich-Zeit-Nehmen und Sich-Einlassen die Voraussetzung für Kommunikation und für Austausch liegt. In der Zeit füreinander zeigt sich die Wertschätzung. Wir kennen es alle: so viele Dinge gleichzeitig erledigen zu wollen oder zu müssen, dass wir die Ruhe in uns verlieren und uns fragen, was eigentlich wichtig ist und was uns treibt. Zeit nehmen für das eine heißt auch anderes zu lassen, ganz präsent zu sein in dem Moment. So beschrieb uns eine Mitbetende mit leuchtenden Augen die Konzerte einer indischen Musikgruppe, die sie gerade begleitet hatte, und wie die jungen Männer den Kontakt zum Publikum aufbauten und so mit ganzem Herzen dabei waren, dass diese Begegnung noch lange in ihrer Wärme und Echtheit nachwirkte. Es ist eine Gabe, in einem kurzen Moment der Begegnung mit Fremden diese intime Vertrautheit aufbauen zu können – Musik kann eine Brücke sein, es ist aber wohl vor allem die Liebe, die hierdurch spricht.

Ein anderer beschrieb, wie wohltuend er das Leben in einer Gemeinschaft mit Gebeten und gemeinsamen Mahlzeiten empfand: eine Verabredung zwischen Menschen, die sich sozial und in gemeinsam gelebter Spiritualität binden und auf dieser Grundlage ihr Leben gestalten.

Unser Gebet vereinbart durch seine Gestaltung sowohl das Verbindliche: im regelmäßigen Treffen, im Miteinander und Füreinander der Gruppe und im gemeinsamen Gebet, als auch das Freiheitliche: im Respekt voreinander, in unserer Vielfalt, im Gebet des Einzelnen wie in der Art des Kontakts untereinander.

Interreligiöses Friedensgebet am 1.5.2011

Die interreligiöse Freude

Den Dialog der Religionen will der Berliner Senat fördern und lädt alle Gemeinschaften zu Gesprächen ein, die sich um die Verständigung in praktischen oder mehr grund­sätz­lichen Fragen bemühen. Unsere Gruppe lädt Menschen mit unterschiedlichen religiösen und säkularen Ansichten zum Gebet ein. Wir glauben an die gemeinsame Friedenssehn­sucht aller. Mit ihr haben wir uns im Mai 2002 zum ersten Mal zusammen gefunden und kommen seit 2003 jeden 1. Sonntag im Monat auf dem Gendarmenmarkt zusam­men, um mit unseren unterschiedlichen Glaubenstradi­tionen unsere Anliegen vorzutra­gen und still auf die Bewegungen in uns zu hören. Hier werden wir bestärkt, uns der oft schmerzhaften Wirklichkeit zu stellen und den Weg des Friedens weiter zu gehen.

Durch diese Praxis hören wir weniger auf die innere Angst, dass uns jemand von unseren religiösen Grundeinsichten abwerben und zu einem neuen Bekenntnis überreden will. In diesem Sinn ist in unserem Kreis Missionierung unerwünscht. Unser Interesse an den Erfahrungen der anderen aber wächst. Wir hören einander zu. Beim Gebet legen wir unser kontroversen Vorstellungen beiseite und suchen die Gemein­samkeiten in der Empörung über Missstände und Wege des Friedens zwischen den Völkern, in unserem Land und in uns selbst. Wir sehen deutlicher, wo sich Menschen um Konfliktlösungen bemühen, auf Möglichkeiten der Verständigung hinweisen und Glaubensfundamente des Lebens offen legen. Die eigenen Erfahrungen werden lebendiger und lassen sich teilen. Dazu gehört die direkte Kommunikation mit Gott, dem Unvorstellbaren, der ewigen Wahrheit, dem im Nichtwissen verborgenen.

Unser monatliches Gebet wurde zum offenen Treffpunkt unter der gemeinsamen Kuppel aller Menschen, die mitteilend und schweigend die Realität des Lebens in die Mitte legen und sich vor der Wirklichkeit verbeugen, die nicht Produkt unseres Handelns ist.

Der Dialog über politischen und religiösen Grenzen hinweg ist ein Geschenk der Einheit. Wenn die Religionsfreiheit gefährdet ist, Angst vor Fremden das Leben erschwert, übergriffige Verhaltensweise die Sprache verschlägt, dann lassen wir uns herausfordern, den Weg des Verzeihens zu gehen, wie Gandhi hervorhebt, der die Struktur der Konkurrenz, der Bürokratie und der Formalitäten überwindet.

Die Freude über die unterschiedliche, uns alle verbindende Religiosität öffnet uns die Augen für die Wirklichkeit.

Interreligiöses Friedensgebet Sonntag, 6.3.2011 um 15.00 Uhr
Zeichen der Hoffnung
Nicht zu überhören sind gegenwärtig die Schreie gegen Korruption und Heuchelei. Menschen rund um den Erdball fordern ein allen gegenüber verantwortliches Handeln, das Ablegen von Machtgehabe, Selbstbereicherung und nicht hinterfragtem religiösen Besitzstand. Geheimver­träge müssen offen gelegt werden.
Muslime in unserem Kreis erzählen von Machenschaften der Mullahs in ihren Heimatländern, die wie eine Krebskrankheit das Zusammenleben durch Ängste lähmen. Doch letztlich schaf­fen sie sich selbst ab. Die Menschen auf den Barrikaden vernetzen sich und verlangen grund­legende Änderungen.
Christen erzählen ähnliches aus ihren Kirchen, in denen sich durch klerikales Gehabe Macht­strukturen erhalten, durch die sich Menschen in ihnen unverstanden gegenüberstehen.
Vor allem die Jugend hat begonnen, sich weltweit zu vernetzen und sich gegen die Wiederho­lung von Unterdrückung zu wehren. Sie hungern nach Freiheit, Demokratie und lassen sich nicht zuletzt auch durch ihre spirituelle Sehnsucht zu menschenwürdiger Kommunikation antreiben.
Viele Mut machende Beispiele sehen wir in den letzten Jahren: in China auf dem „Platz des himmlischen Friedens“, in Madagaskar, Tunesien und Ägypten, wo korrupte Regierungen vertrieben wurden; in Deutschland beim „Mauerfall“, beim Widerstand gegen die Atomlobby, den Bahngigantismus, der Gelder für einen sozialen Ausgleich bindet, und jetzt die erfolg­reiche „Wasserkampagne“ in Berlin, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Menschen wollen der Wahrheit ins Gesicht schauen. Wikileaks gibt ein Beispiel mit der Veröffentlichung gehei­mer Unterlagen. Vertuschen und Irreführen wird für alle sichtbar und ruft die Gegenwehr der bisherigen Nutznießer der ungerechten Absprachen hervor.
Dies sind Zeichen der Hoffnung und der Freude dieser neu aufgebrochenen Suche nach Ehr­lichkeit, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit.
Nicht Gott ist für die Ungerechtigkeiten, Korruptionen und Kriege verantwortlich. Wir sollten sie ihm nicht in die Schuhe schieben oder ihn zu unserer Entlastung dafür instrumentalisieren. Der Schöpfer alles Lebens steht an unserer Seite in unserem „global village“.
Wir stehen miteinander und mit ihm unter dem offenen Zelt des Himmels mitten in unserer Stadt auf dem Gendarmenmarkt. Wir danken für die uns geschenkten Hoffnungszeichen. Zugleich bitten wir um neuen Mut zur Wahrhaftigkeit, um die Zeichen unserer Zeit wahr zu nehmen, sie zu deuten und uns im bittenden Gebet zum Handeln ermutigen zu lassen.

Interreligiöses Friedensgebet Sonntag, 6.2.2011 um 15.00 Uhr
Sich schützend zur Seite stellen
In Berlin gab es in diesem Jahr bereits mehrere Anschläge gegen Moscheen. Beim letzten Gebet bewegten uns die Anschläge und Drohungen gegen Kirchen der koptischen Christen. Gläubige anderer Konfessionen und Religionen besuchten die bedrohten Gotteshäuser und ihre Gottesdienste, um auf diese Weise Solidarität zu zeigen.
Unseren muslimischen Brüdern fiel auf, dass die Polizei die Weihnachts­gottesdienste der koptischen Christen in Berlin nicht schützen wollte, da nicht genügend Geld und Personal zur Verfügung stünde. Das löste in unserem Gesprächskreis eine Diskussion aus, in der unterschiedliche Akzente sichtbar wurden. Einig waren wir uns darin, dass es eine wichtige Erfahrung von Schutz ist, wenn sich andere in der Situation von Schutzlosigkeit ganz schlicht und einfach neben uns stellen – und sich damit ja selbst auch in die Schutzlosigkeit begeben. Darin erfahren wir etwas von der Solidarität Gottes.
Auf der Straße gemeinsam beten – auch darin erfahren wir Schutz in der Schutzlosigkeit. Gebet bedeutet, sich nicht vor Gott zu verstecken, und trennende Schutzmechanismen zu überwinden. Im Muslim, Christ, Hindu und in jedem Frieden suchenden Menschen, der sich neben mich stellt, während ich mich im Gebet vor Gott öffne, erfahre ich eine tiefe, menschheitsverbindende Solidarität.
Dankbar stellen wir uns so gemeinsam auf die Straße, auch an diesem Sonntag.
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MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM HAUSVOGTEIPLATZ Sonntag 5.12.2010 15 Uhr

DEN KREISLAUF DER GEWALT VERLASSEN

Gewalt in der Nachbarschaft, Gewalt auf dem Globus. Eine Gesprächsteilnehmerin berichtete von Schüssen und Gewalttaten in ihrem Kiez, die den mühsam aufgebauten Frieden störten, vielleicht sogar zerstörten. Die hereinbrechende Gewalt verunsichert die dort Wohnenden:
Andere Erschütterungen hörten wir aus dem Irak. Dort werden Christen in ihren Kirchen ermordert. Auch gegen Muslime richtet sich die Gewalt von Bombenwerfern und Selbstmord­atten­tätern. Solche Erfahrungen erschüttern uns und wir fragen nach der Wirksamkeit der Frieden stiftenden Kraft des Gebetes.
Fragen zur Gewalt stellen sich uns auch aus den Erfahrungen mit der Aufarbeitung von sexuellen Missbräuchen in den letzten Monaten: Je tiefer wir in den Dialog zwischen Täter- und Opferseite hineinhören, um so drängender wird die Frage, wie der Hass, welcher Frucht der Gewalt ist, an ein Ende kommen kann, ohne neue Gewalt aus sich hervorzubringen. Im emotionalen „Maschinenraum“ der Völker und Gesell­schaften geht Gewalt in Hass und Hass in Gewalt über. Gibt es überhaupt ein Möglichkeit, aus diesem Kreislauf auszusteigen?
Führen solche Erschütterungen zur Ermattung oder können sie unser Vertrauen in die Kraft des Frieden Schaffenden stärken? Wie kann die Bereitschaft zum Dialog und zum gemeinsamen Tun bestehen oder sogar wachsen? Gerade hören wir, dass in Berlin in der vergangenen Woche offizielle Vertreter von Christen, Juden und Muslimen erstmals öffentlich gegen terroristische Anschläge gemeinsam Stellung bezogen haben.
Zu unseren Gebeten treffen wir uns, um unsere Fragen zu stellen und uns neu zu vergewissern – durch Schweigen, aber auch durch die Worte, die das Leben uns eingibt. Wir können und wollen uns nicht vorstellen, dass die Gewalt das letzte Wort hat. Unsicherheit gilt es auszuhalten, ohne sie zu einem Einfallstor werden zu lassen für ein Ja zur Resignation gegenüber der Logik der Gewalt.

MAHNWACHE UND INTERRELIGIÖSES FRIEDENSGEBET AUF DEM GENDARMENMARKT Sonntag, 7.11.10 um 15 Uhr

AUS INNERER KLARHEIT DAS AUSSEN GEMEINSAM GESTALTEN

Wir befinden uns immer wieder in der Auseinandersetzung mit uns selbst und mit den Bedin­gungen, in denen wir unser Leben gestalten und unter denen wir manches Mal auch leiden.
Unser Innen, unser Seelenleben, wird bestimmt von Gegensätzen, von Ängsten und von Gelassen­heit, von Verletztheit und von Liebe, von Offenheit gegenüber anderen Meinungen, anderen Lebens­weisen, Menschen. Es wird bestimmt von Aufgaben, die uns ansprechen und Leidenschaften in uns wecken ebenso wie von Aufgaben, die wir erfüllen müssen, weil wir Menschen im Miteinander sind und wir füreinander Verantwortung übernehmen, auch wenn sie uns für den Moment schwer fallen. Es wird bestimmt von Notwendigkeiten, Einschränkungen und von Überzeugungen und dem Wissen, dem Vertrauen, dass wir nicht allein sind.
Das Außen wird bestimmt von politischen Gegebenheiten, von Lebenssituationen, von unserem physischen Dasein und leider oft auch von Gewalt.
Wir sind darin gefordert, uns einzuordnen in diese vielfältige Welt ohne uns, unser Ideale, unseren Glauben, unsere Hoffnung aufzugeben. Das Leben ist ein Wechselspiel zwischen Innen und Außen, es ist aber auch ein Wechselspiel von unseren Haltungen und Sichtweisen auf die Welt. Unsere Sichtweisen und Kommunikationsformen können wir reflektieren, können wir beeinflussen und zu einem Miteinander ohne Vereinnahmung hin verändern. Wir können im Vertrauen auf unsere Stärke im Zusammenschluss mit anderen unseren Hoffnungen, Sehnsüchten und Zielen Ausdruck verleihen.
Als aktuelles Beispiel für gemeinsamen Ausdruck kann hier die Protestaktion im Zusammenhang mit dem geplanten Neubau des Stuttgarter Bahnhofs (S21) genannt werden. Für das Erreichen eines gemeinsamen Zieles, nämlich dem Überleben in tiefer Abgeschlossenheit, kann die Rettung der Bergleute in Chile genannt werden. Es dient gleichzeitig als Beispiel für die Wirksamkeit von gemeinsamem Gebet: die eingeschlossenen Bergleute unter Erde und deren Familien, Freunde und viele andere Menschen, die überirdisch sich zusammen fanden im Gebet und schließlich in Dankbarkeit über die Rettung. Gebet und gemeinsames Ausharren. Aber auch aktuelle Themen, die uns direkt betreffen, wie Wasser- und Atompolitik, sind uns ein Anliegen, für das wir aufstehen, uns sicht- und vernehmbar machen, für das wir unsere Gebete bündeln.
Unser konkretes Gebetsanliegen ist der Frieden auf dieser Welt. Ein scheinheiliger Frieden jedoch ist kein Frieden, sondern nur eine Fassade. Deshalb ist es uns wichtig, in der Kommunikation, im Umgang miteinander klar und ehrlich zu sein. Durch unsere Worte die Möglichkeit zu eröffnen, dass alles gesagt werden kann und alles gehört wird, das uns auf dem Herzen liegt oder in ihm brennt. Auch wenn dies manchmal zunächst weh tut, weil unbequeme Wahrheiten auf den Tisch kommen. Gewaltfreie, alles zulassende und den anderen nicht verurteilende Kommunikation, ist eine Voraus­setzung für Gewaltfreiheit im Handeln, weil sie das Innere hervorbringt und die Möglichkeit bietet, es – auch im Unfertigen und Widersprüchlichen – miteinander zu teilen. Sie verhilft uns zu Klarheit im Innern und im Miteinander und unterstützt durch den Austausch, zu dem wir öffentlich in unseren Friedens­gebeten ermutigen, die vielen kleinen Schritte zu tun, um auch zum Großen beitragen zu können.

Mahnwache und Interreligiöses Friedensgebet auf dem Gendarmenmarkt am Sonntag, 3.10.2010 um 15.00 Uhr

In Hoffnung leben

Reaktionen aus der Politik, die Konflikte aus sich entwickelnden sozialen und kultu­rellen Unterschieden noch verschär­fen, dringend notwendige Kursänderungen auf Grund durchsichtiger wirtschaftlicher Interessen gegen eine Mehrheit verhindern, vergrößern bei vielen Menschen Gefühle der Ohnmacht.
Doch auch dieses geschieht: viele Menschen werden in ihrem Grundvertrauen ange­regt, sind bereit sich gemeinsam aufzumachen und gegen den Trend aufzutreten. Wir besprachen die jüngsten Ereignisse.
Zehntausende Menschen können sich eine Welt ohne Atomkraft vorstellen und sind gegen eine Verlängerung der Fristen, wie wir im September in Berlin sehen konnten. Wir lassen uns ermutigen, wenn Menschen z.B. auf Demonstrationen oder in einer Bürgerplattform andere Wege für- und miteinander aufzeigen und ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringen, sie zu beschreiten.
So geschieht es, wenn das Regime Gaddafis die Fluchtwege nach Europa sperrt und dafür Unterstützung der „Festung Europa“ bekommt. Das bedeutet für Flüchtlinge Gefängnis mit qualvollen Folterungen, grausamen Tötungen und unbeschreiblichen Leiden. Dagegen mobilisieren friedliebende Menschen mit diversen Unterschriften- und Protestaktionen.
Können wir etwas ausrichten mit unserer Abwehr von Autoren und geistigen Brand­stiftern, die Hass und Ausgrenzung schüren?
Wir aber leben aus der Kraft, die uns dem Fremden mit Respekt und Neugierde sich nähern lässt und willkommen heißt, damit wir den Reichtum und die Vielfalt des Schöpfers kennen lernen – miteinander lebendiges Vertrauen wecken und wach halten gegen das tödliche Misstrauen.
Unsere Sehnsucht belebt die Hoffnung in einer Bewegung, aus dem eigenen Frieden, zum Frieden miteinander und zum Frieden in der Welt von Heute und Morgen.
An diesem besonderen Sonntag im Oktober ermutigt uns nachhaltig das Geschenk der Einheit Deutschlands nach Jahrzehnten des geschürten Misstrauens zwischen den Völkern Europas im Kalten Krieg.

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