Serie Flüchtlinge Frankfurter Rundschau ab 26.5.15

27.5.15

Flüchtlinge Gefangen am Flughafen

 Von 

Kritisiert wird, dass auch Minderjährige dort leben, wie auf diesem Archivbild zu sehen ist.  Foto: Alex Kraus

Bis zu 100 Flüchtlinge warten in einer Unterkunft am Rande der Cargo City Süd auf eine Entscheidung: einreisen oder abgeschoben werden. Kritik kommt von der Caritas.

Den wenigsten der Abertausenden Passagiere, die täglich am Frankfurter Flughafen in den Urlaub fliegen oder von einer Geschäftsreise zurückkommen, dürfte bekannt sein, dass auf dem Airport-Gelände auch Menschen leben – und es nicht verlassen dürfen. Bis zu 100 Flüchtlinge warten in einer Unterkunft am Rande der Cargo City Süd auf eine Entscheidung: einreisen oder abgeschoben werden. Gefällt wird diese Entscheidung in einem Eilverfahren, das von Anwälten und Flüchtlingsorganisationen seit Jahren kritisiert wird.

„Grundlage ist die rechtliche Fiktion, dass jemand zwar die Füße auf deutschen Boden gesetzt hat, aber noch nicht eingereist ist“, sagt der Frankfurter Rechtsanwalt Dominik Bender, der auch Mandanten vertritt, die in der Unterkunft in der Cargo City lebten. Betroffen sind Flüchtlinge, die am Flughafen ankommen und keinen gültigen Pass vorweisen können. Für diese etwa 600 Menschen im Jahr unterhalten das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), die Bundespolizei und das Regierungspräsidium Gießen dort eine Außenstelle der hessischen Erstaufnahmeeinrichtung.

Das Gebäude umschließt einen Innenhof mit einem Fußballfeld und einem Spielplatz, beschreibt Olivia Reckmann von der Caritas ihren Arbeitsplatz. Gemeinsam mit einem Kollegen vom Evangelischen Regionalverband berät sie Flüchtlinge in der Unterkunft. Die Fenster der Zimmer blickten nur auf diesen Hof, erklärt sie. „Die Menschen dort sehen außer der Einrichtung nur den Himmel“, sagt Reckmann.

„Haftähnliche Unterbringung“

Innerhalb des Gebäudes können sie sich frei bewegen, verlassen dürfen sie es aber nicht. Es gibt Gemeinschaftsräume mit Fernsehern, eine Bibliothek und ein Zimmer zum Sport treiben, die Gänge sind kameraüberwacht. Viele Menschen plagen Ungewissheit und Langeweile, berichtet Reckmann. Manche würden versuchen, möglichst viel zu schlafen, damit die Zeit schneller vergeht. Auch Depressions-Symptome könne sie immer wieder beobachten. Einen Internetzugang gibt es nicht, nur im Büro des Kirchlichen Flüchtlingsdienstes können die Bewohner einen Laptop nutzen. Telefonieren ist gegen Bezahlung möglich. Eine Anfrage der FR, die Einrichtung zu besuchen, lehnte das Regierungspräsidium Gießen ab. Man habe gegenüber den Bewohnern eine Fürsorgepflicht.

Die Unterkunft, die es nun seit etwa zehn Jahren gibt, sei ein unglaublicher Fortschritt im Vergleich zur früheren Unterbringung, sagt Dominik Bender. „Das ändert aber nichts daran, dass dort Asylbewerber in Haft sind.“ Was in Malta und Griechenland kritisiert würde, passiere eben auch am Frankfurter Flughafen. Die Kritik entzündet sich aber nicht nur an der „haftähnlichen Unterbringung“. Das Verfahren ist „zu kurz und zu abgeschottet, als dass der deutsche Staat annehmen könnte, dass dort Fehlentscheidungen verhindert werden können“, sagt Bender. „In zehn Tagen wird dort über die Abschiebung eines Menschen entschieden.“ Eine Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Verfahren scheiterte 1996 knapp. Seitdem gelte immerhin, dass Flüchtlinge, die direkt am Flughafen abgewiesen werden, Anspruch auf einen Anwalt haben. Einer dieser Pflichtverteidiger ist Bender.

Zwei Frauen teilen sich ein Zimmer – ein Archivbild.  Foto: Alex Kraus

„Wenn ich dort ankomme, habe ich kaum Zeit, meine Mandanten kennenzulernen“, erzählt er. Oft vertrauten die Flüchtlinge ihm zunächst nicht. „Wie soll man das auch klarmachen?“, fragt er. „Schließlich werde ich auch vom Staat bezahlt.“ In einer solchen Drucksituation gelte es dann, die bereits vorhandenen Akten zu lesen und zu prüfen, ob wichtige Fluchtgründe übersehen wurden. Dann kann ein Eilantrag gestellt werden, um eine erneute Prüfung des Antrags durchzusetzen.

Erfolg habe er selten, erklärt Bender. Nicht zuletzt, weil die meisten Flüchtlinge das Verfahren ohne Unterstützung durchliefen und zu dem Zeitpunkt, zu dem er als Pflichtverteidiger hinzukäme, „das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“.

Reckmann und ihr Kollege versuchen deshalb zu informieren, bevor das Bundesamt entscheidet. „Es ist wichtig, dass es eine unabhängige Beratung vor dem Verfahren gibt“, sagt Reckmann. Gesetzlich vorgesehen sei dies nicht, mit dem Land Hessen gäbe es aber eine Vereinbarung, dass der Flüchtlingsdienst zwei Räume in der Unterkunft nutzen dürfe. Reckmann und ihr Kollege verteilen mehrsprachige Informationsblätter, bieten Sprechstunden an, organisieren bei Bedarf einen Anwalt. „Wir arbeiten unter enormem Zeitdruck“, sagt auch sie.

„Wir erklären zuerst, wie eine deutsche Behörde Fluchtgründe prüft“, sagt Reckmann. Oft sei den Menschen unklar, worauf es bei der Schilderung der eigenen Geschichte ankomme. Beim Flughafenverfahren sei dies besonders drängend. „Die Schnelligkeit des Verfahrens muss unweigerlich dazu führen, dass die Qualität der Anhörungen leidet“, sagt Reckmann, „ganz unabhängig von der beteiligten Person – die Fehlerträchtigkeit ist systemimmanent“.

Keine Ausnahmen

Die Forderung der Caritas sei deswegen sehr deutlich, sagt sie. „Wenn der Fehler im System liegt, bleibt er bestehen, außer man schafft das System ab.“ Zumindest müssten aber besonders Schutzbedürftige vom Verfahren ausgenommen werden, etwa Kinder und Traumatisierte. Auch Minderjährige müssten bisher zunächst in dem Gebäude bleiben, sagt Reckmann. „Dort warten andere Flüchtlinge auf ihre Abschiebung, es kommt auch zu Selbstverletzungen und Suizidversuchen“, sagt Reckmann. „Das sind keine Situationen, denen man Minderjährige aussetzen sollte, es ist eine nicht zu rechtfertigende Belastung für sie.“

Menschen mit Traumata müssten zudem anders behandelt werden, sie könnten in einer Anhörung ihre Fluchtgeschichte oft nicht erzählen. „Das fordert auch eine EU-Richtlinie, die bisher in Deutschland nicht umgesetzt ist“, sagt Reckmann. Ein Betroffener schilderte dieses Problem vor zwei Jahren der FR. Der Mann aus Nigeria sagte, dass er im Flughafen aufgrund seiner Traumatisierung seine Fluchtgründe nicht systematisch vortragen konnte. „Ich konnte da drin nicht klar denken“, erinnert er sich an die Tage in der Unterkunft. Sein Antrag wurde abgelehnt, später kam er in eine Psychiatrie und seine Abschiebung wurde ausgesetzt.

Erfahrungen „Ich bin in einem Kühlschrank gelandet“

 Von 

Ein Junge spielt in der Flüchtlingsunterkunft am Frankfurter Flughafen – ein Archivbild.  Foto: Alex Kraus

Eine junge Frau aus Somalia spricht mit der Frankfurter Rundschau über ihre Ankunft am Flughafen und ihre Zeit in der Unterkunft. Das Interview im O-Ton.

Als das Flugzeug aus Somalia landete, in dem ich stundenlang gesessen hatte, wusste ich nicht, wo ich bin. Mein erster Gedanke war: Ich bin in einem Kühlschrank gelandet. So kalt war mir. Dann bin ich einfach den anderen Menschen hinterhergelaufen, weil ich alleine unterwegs war. Vorbereitet war ich nicht auf das, was mich erwarten würde. Damals war ich 17 Jahre alt.

Zwei Polizisten haben mich nach der Landung nach meinem Pass gefragt. Ich hatte keinen und musste mitkommen. Vor zwei Beamtinnen musste ich mich dann nackt ausziehen. Meine Kleider wurden durchsucht. Ein Dolmetscher hat mir am Telefon gesagt, dass ich in Frankfurt bin, in Deutschland.

Wenig später kam ich in ein Gebäude mit vielen anderen Menschen. Ich hatte große Angst, gleich wieder abgeschoben zu werden. Ein Polizist sagte mir, dass ich hier schlafen werde, bis man mich weiterleitet. In der Unterkunft auf dem Flughafengelände habe ich mir mit zwei anderen jungen Frauen ein Zimmer geteilt. Unterhalten konnten wir uns nicht, die beiden sprachen nur Französisch und Arabisch.

In dem Haus waren viele Flüchtlinge untergebracht, aus vielen verschiedenen Ländern. Manche von ihnen waren sehr verzweifelt. Einer hat mir erzählt, dass er sich umbringen will. Ich fühlte mich wie im Gefängnis, ich konnte dort ja nicht weg, konnte nicht einmal etwas einkaufen gehen.

Tagsüber haben wir gewartet, Karten gespielt, Filme geschaut. Auf den Hof bin ich eigentlich nie. Es waren vor allem die Männer, die draußen Fußball spielten. Etwas Schlimmes ist mir während meiner zwei Wochen dort zum Glück nicht passiert, aber ich wurde auch besser behandelt als andere, weil ich damals noch nicht volljährig war.

Am zweiten Tag nach meiner Ankunft wurde ich wieder lange interviewt. Ich wusste wieder nicht, was genau passiert. Ich dachte, vielleicht werde ich jetzt für immer hier bleiben und nie wieder einen somalischen Menschen sehen. Jemand von der Caritas hat mir einen Anwalt organisiert, weil ich noch minderjährig war. Nach meinem Interview beim Bundesamt konnte ich die Einrichtung am Flughafen dann nach zwei Wochen verlassen.

Wenn ich heute daran denke, dann war ich bei meiner Ankunft vor allem überrascht: Ich dachte, ich komme in Europa an und mir wird dort sofort geholfen. Stattdessen wurden mir viele Fragen gestellt und ich musste mich nackt ausziehen. Ich musste von einer Befragung zur nächsten, dann musste ich nur noch warten.

Khadra (Name von der Red. geändert) aus Somalia ist als unbegleitete Minderjährige am Flughafen angekommen. Inzwischen ist sie volljährig und lebt in einer Einrichtung für junge Erwachsene. Eine Anerkennung als Flüchtling hat sie vor Gericht erstritten und kann erst einmal bleiben.

26.5.15

Flüchtlinge „Da wird nicht nachgefragt“

Der Frankfurter Anwalt Reinhard Marx kritisiert, dass Asylgründe zu wenig geprüft werden.  Foto: Peter Jülich

Viele Fragen, die mit dem Asylantrag nichts zu tun haben und die Betroffenen nur irritieren – Rechtsanwalt Reinhard Marx hält die Anhörungen von Flüchtlingen für mangelhaft und fordert von den Behörden mehr Sorgfalt im Umgang mit den Menschen und deren Geschichte

Herr Marx, für die Prüfung von Asylanträgen ist die Anhörung durch Mitarbeiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge von entscheidender Bedeutung. Sie kritisieren seit Längerem die Praxis dieser Anhörungen. Warum?

Das fängt schon mit dem Zeitpunkt der Anhörung an. Nach meiner Erfahrung, die auf einer großen Zahl von Fällen beruht, dauert es ein bis anderthalb Jahre, bis überhaupt eine Anhörung durchgeführt wird. Und wenn diese dann durchgeführt wurde, vergehen häufig noch einmal ein bis zwei Jahre, bis die Entscheidung zugestellt wird. Ich hatte unlängst einen Fall, in dem ich das Bundesamt mehrfach angemahnt habe, nur um überhaupt das Protokoll der Anhörung zu bekommen. Nach elf Monaten habe ich dann Klage erhoben.

Zur Person

Reinhard Marx (69) ist seit 1983 als Anwalt in Frankfurt am Main tätig. Schwerpunkte seiner anwaltlichen und publizistischen Tätigkeit sind das Ausländer-, Asyl- und Flüchtlingsrecht sowie das Staatsangehörigkeitsrecht. Bereits seit Mitte der 70er ist Marx zudem in der deutschen Sektion von Amnesty International aktiv. dmj

Ihre Schilderung überrascht uns ein wenig. Das Bundesamt behauptet, dass ein Asylverfahren im Schnitt etwas mehr als sieben Monate in Anspruch nimmt…

Dieser Durchschnittswert vermittelt kein realistisches Bild. Syrer werden in der Regel sofort anerkannt, ohne Durchführung einer Anhörung. Das geschieht binnen weniger Wochen. Die Asylverfahren von Roma aus den Balkanstaaten werden auch sehr schnell durchgezogen, allerdings ablehnend. Das drückt den Schnitt. Aber bei anerkennungsträchtigen Ländern wie Afghanistan, Iran, Somalia, Eritrea oder Äthiopien dauern die Verfahren in der Regel zwischen anderthalb und zwei Jahren.

Vermutlich ist das Bundesamt schlicht überlastet.

Das Argument kann ich für den Zeitraum bis zur Anhörung noch nachvollziehen. Danach aber sollte das Bundesamt überzeugt sein, dass Asylgründe vorliegen oder eben nicht. Und dann sollte es diese Einschätzung auch begründen können.

Sie glauben, dass sich dieses lange Prozedere negativ auf die Erfolgschancen von Antragstellern auswirkt…

Die Rechtssprechung ist eindeutig. Aus den 80er Jahren stammt ein Urteil des gemeinsamen Senates der obersten Gerichtshöfe des Bundes: Nach fünf Monaten kann man nicht mehr aus der frischen Erinnerung entscheiden. Die ist dann weg. Entsprechend sehen dann auch die Bescheide aus. Man merkt, dass die Sachbearbeiter nicht mehr wissen, wie die Anhörung seinerzeit gelaufen ist.

Serie zur Flucht

Die neue FR-Serie „Stationen einer Flucht“ beleuchtet von heute an zwei Wochen lang jede Station, die ein Flüchtling in Hessen durchläuft: Von der Ankunft in Frankfurt über die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen bis zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) und zur Integration in einer neuen Heimat. Jeden Tag berichten wir über einen Abschnitt einer Flucht, sprechen mit Behörden, Anwälten, Helfern – und natürlich mit den Betroffenen selbst.

Wir schauen genau hin und wollen kritisch untersuchen, wie Hessen mit Menschen umgeht, die Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen. Dazu kümmert sich unser Autorenteam auch um Detail-Aspekte des Themas Flucht: Wir besuchen unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, berichten über Menschen im Kirchenasyl, über Abschiebungen und das umstrittene verkürzte Asylverfahren am Frankfurter Flughafen. han

Wie muss man sich so eine Anhörung vorstellen?

Da gibt es zwei Möglichkeiten: Einmal mit Anwalt, einmal ohne. Ohne Anwalt sitzen dort der Bedienstete des Bundesamtes, der die Ermittlungen durchführt, ein Dolmetscher und der Antragsteller. Dann werden zunächst 25 Fragen gestellt, die mit dem Asylantrag nichts zu tun haben, sondern die darauf abzielen, die notwendigen Tatsachen festzustellen, um den Betreffenden wieder ins Heimatland zurückzuführen.

Zum Beispiel?

Als Erstes werden Verbindungen ins Heimatland abgefragt. Asylgründe werden bestenfalls marginal angesprochen. Das irritiert die Flüchtlinge. Die denken: Endlich, nach anderthalb Jahren, nimmt sich die Behörde meiner an und will hören, warum ich hier bin. Doch dann kommen erst einmal Fragen, aus denen man unschwer erkennen kann, dass sie auf die Rückführung ins Herkunftsland zielen. Inhaltliche Fragen mit Bezug auf Asylgründe werden nur kurz berührt und später vergisst der Asylsuchende, wenn es zur eigentlichen Anhörung kommt, auf diese wichtigen Aspekte zurückzukommen. Weil er denkt, dass sei es jetzt schon gewesen. Das führt dann oft zu unzulänglichen Vorträgen.

Der Sachbearbeiter könnte aber gezielt nachfragen…

Ich habe einmal in einem Aufsatz drei Gruppen von Entscheidern identifiziert. Da gibt es die mit kriminalistischem Spürsinn, die darauf aus sind, den Antragsteller reinzulegen und entsprechende Fallstricke einbauen. Das ist eine kleine Gruppe. Dann gibt es die, die ergebnisoffen befragen. Die größte Gruppe und das größte Problem aber sind die Desinteressierten, denn die fragen nicht nach. Dabei ist es wichtig, denn oft wissen die Flüchtlinge nicht, dass bestimmte Dinge wichtig sind für die Entscheidung.

Aber muss man nicht dem Antragsteller zumuten, die wesentlichen Gründe für seine Flucht selbst glaubhaft zu machen?

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass in ablehnenden Bescheiden 50 bis 70 Prozent der Glaubwürdigkeitsbedenken nicht zum Gegenstand der Anhörung gemacht wurden. Der Antragsteller hatte also gar nicht die Möglichkeit, sich dazu zu äußern. Es entspricht aber dem Rechtsstaatsprinzip, insbesondere dem Untersuchungsgrundsatz, dass man nur die Argumente und Einwände zum Gegenstand einer ablehnenden Verfügung machen kann, die auch Gegenstand des Anhörungsverfahrens gewesen sind

Was sind das für Bedenken?

Oft heißt es, dass er die Verfolgung im Herkunftsland nicht glaubhaft gemacht hat. Zum Beispiel, wenn der Antragsteller inhaftiert war und erst ein Jahr nach seiner Freilassung das Land verlassen hat. Das kann ja gute Gründe haben. Aber da wird nicht nachgefragt. Hinzu kommt, dass in vielen Fällen derjenige, der die Anhörung durchführt, nicht identisch ist mit dem, der über den Antrag entscheidet.

Und dieser Entscheider ist dann maßgeblich auf das Protokoll, das Monate später erstellt wurde, angewiesen…

Richtig. Und er sucht sich aus diesem Protokoll dann einfach die Ablehnungsgründe.

Wie könnte man aus Ihrer Sicht die Anhörungspraxis verbessern?

Ganz einfach: Sorgfältig anhören und sorgfältig die Beweise würdigen. Das passiert bislang leider nicht oder nur sehr selten.

Interview: Danijel Majic

Frankfurt Flüchtlinge stranden in der Polizeiwache
Von Georg Leppert
Ein Polizist scannt die Fingerabdrücke eines Flüchtlings aus Syrien, der sich bei den Beamten gemeldet hat. Foto: peter-juelich.com

Im Konferenzraum der Bundespolizei auf der Wache neben Gleis 24 am Frankfurter Hauptbahnhof ist es eng geworden: In dem Raum stehen Feldbetten für die Flüchtlinge, die hier in immer größerer Zahl ankommen. Die deutschen Behörden begrüßen die Migranten in der Regel mit einer Strafanzeige.
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Es ist ein unscheinbares Schild, das für die oftmals erste Station der Flüchtlinge in Deutschland steht. „Klingel“, heißt es handgeschrieben am Eingang zur Wache der Bundespolizei im Hauptbahnhof. Darunter nochmal auf Englisch: „Bell“. Flüchtlinge, die hier läuten, sagen in die Gegensprechanlage in der Regel „help“ oder auch gleich „Asyl“.

Es sind viele Menschen, die in den vergangenen Monaten zur Wache neben Gleis 24 gekommen sind. Von Januar bis April waren es 150 Prozent mehr als im selben Zeitraum des vergangenen Jahres. Und Hauptkommissar Matthias Wolf, Dienstgruppenleiter bei der Bundespolizei, glaubt nicht, dass die Zahlen in nächster Zeit zurückgehen werden. Dafür sei die politische Weltlage zu instabil.

Im Keller der Wache steht gerade eine „ED-Behandlung“ an, wie die Polizisten sagen, eine erkennungsdienstliche Behandlung. Ein junger Syrer ist angekommen, er reiste mit einem Zug aus Italien an, war danach erst einmal im Café und ist dann zur Wache gegangen. Nur wird er fotografiert, die Polizisten nehmen Fingerabdrücke und schicken sie ans Bundeskriminalamt. Ziel ist es, die Identität des Mannes eindeutig zu klären.

Der Flüchtling macht einen sehr gefassten Eindruck. Seine Reise nach Deutschland lief offenbar problemlos ab. Sofern man das sagen kann über die Reise eines Menschen, der sein Heimatland verlassen musste. Zumindest aber ist der Mann in einem gesundheitlich guten Zustand. Da hat Hauptkommissar Wolf schon ganz andere Erfahrungen gemacht: Flüchtlinge, die wochen- oder monatelang unterwegs waren, abgemagert, ausgehungert, in zerfetzten Klamotten, am Ende ihrer Kräfte.
Zahlen
2015

910 Menschen haben in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres auf der Wache der Bundespolizei um Asyl gebeten. Die meisten von ihnen kamen aus Afghanistan, Syrien, Albanien oder dem Kosovo.

Die deutschen Behörden begrüßen die Migranten in der Regel mit einer Strafanzeige, denn fast immer liegt der Einreise ein illegaler Grenzübertritt beziehungsweise ein illegaler Aufenthalt zugrunde. Wolf und seine Beamten schreiben die Anzeige. Das Ganze ist eine Formalität, Ermittlungen gibt es deswegen in der Regel nicht. Dennoch ist bei der Polizei das volle Programm nötig: Der Flüchtling muss befragt und zuvor über seine Rechte belehrt werden. Oft gibt es dabei Verständigungsprobleme, die nur mit Hilfe von Dolmetschern zu lösen sind. Auf der Wache gibt es Beamte, die Englisch, Französisch oder Spanisch sprechen. Oft können Flüchtlinge ihre Geschichte aber nur auf Arabisch erzählen.

Wenn sie überhaupt etwas erzählen wollen. Fragen nach dem Weg, auf dem sie nach Frankfurt gelangt sind, blieben oft unbeantwortet, sagt Wolf. In der Regel sind es Schleuser, die die Reise nach Deutschland organisiert haben. Die Migranten wollen sie sich nicht zum Feind machen, zumal in den Heimatländern häufig noch Verwandte darauf warten, ebenfalls nach Europa gebracht zu werden. Auch das Ziel der Reise lässt sich nicht immer klären. Die Menschen, die von sich aus zur Polizeiwache gehen, möchten in der Regel in Deutschland bleiben. Andere – die Minderheit der Fälle – werden von den Polizisten im Hauptbahnhof aufgegriffen. Viele von ihnen wollten sich auf eigene Faust durchschlagen nach Skandinavien, wo sie sich im Asylverfahren bessere Chancen als in Deutschland ausrechnen.
Selbst in einem Versammlungsraum der Bundespolizei am Hauptbahnhof stehen wegen der vielen Flüchtlinge Feldbetten. Foto: peter-juelich.com

Zwischen zwei und drei Stunden brauchen die Polizisten, um jeden Flüchtling zu registrieren und zu befragen. An manchen Tagen ist die Wache nach der Ankunft des Eurocity aus Italien voll mit Flüchtlingen. Dann zieht sich das Verfahren in die Länge.

In solchen Fällen werden die Ankömmlinge zunächst in die „Blaue Lagune“ gebracht, einen großen blau gestrichenen Raum, in dem ein Foto von Bundespräsident Joachim Gauck hängt. Vor einigen Wochen diente er noch als Konferenzzimmer der Bundespolizei. Mittlerweile stehen dort Feldbetten, damit sich die Flüchtlingen ausruhen können. Konservendosen und Wasser werden gebunkert, zudem gibt es für Kinder einen Koffer mit Spielen. Wenn ganz kleine Flüchtlinge kommen, hilft die Bahnhofsmission mit Windeln und Milchpulver aus.

Ihre oft erste Station in Deutschland verlassen die Flüchtlinge in der Regel mit einer Fahrkarte in der Hand. Abgesehen von alleinreisenden Minderjährigen, um die sich das Jugendamt kümmern muss, werden alle Asylbewerber zur Erstaufnahmeeinrichtung nach Gießen geschickt. Die Fahrt mit dem Regionalexpress dauert 40 Minuten. Eine Kleinigkeit für Menschen, die aus Afrika oder Asien nach Hessen gekommen sind.

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